Familiengeschichten, heute: Mimi


Meine Oma ist Jahrgang 1916. Sie sagt von sich selbst, dass sie drei Sprachen beherrsche, nämlich Sächsisch, Hochdeutsch und durch die Nase. Von ihr habe ich auch den Klassiker gelernt:

„Rot ist die Liebe,
rot sind die Tomaten,
rot ist der Schlips
vom Sozialdemokraten.“

Manche ihrer Erinnerungen sind zu schön, um sie im Familienbesitz zu behalten. Deshalb gibt es hier jetzt von Zeit zu Zeit Familiengeschichten. Heute: Mimi.

Mimi kam aus einem thüringischen Dorf, wo sie mit neun Geschwistern in Armut aufwuchs, in den zwanziger Jahren nach Leipzig, „in Stellung“, wie man damals sagte. Warum sie ihre Stellung später verlor und zeitweilig Bewohnerin des „Heims für gefallene Mädchen“ war, ist nicht überliefert. Sie führte jedenfalls ein lustiges Leben, man sagte ihr böse nach, sie hätte „die halbe Wehrmacht hinter sich“. Zu ihrer Entlastung darf nicht unerwähnt bleiben, dass es die Zeit des 100.000-Mann-Heeres war. Ihr lustiges Leben war es auch, die sie in die Praxis von Dr. Meier führte, der Spezialist für „Haut und Liebe“ war. Karl, der sieben Jahre ältere Bruder meiner Oma, musste auch zu Dr. Meier, auch nicht wegen seiner Haut, und lernte dort Mimi kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Gegen den Rat von Familie und Dr. Meier, der sich ein bisschen aus dem Fenster der ärztlichen Schweigepflicht gelehnt hatte, als er Karl sagte: „Die ist nichts für dich, die heiratest du nicht!“, wurde 1930 geheiratet. Karls Familie meinte, dass Mimis Familie überglücklich sein müsste, einen solchen Versorger für ihre Tochter gefunden zu haben, der auch noch sechs Jahre jünger als sie war. Karl trug Mimi auf Händen. Mimi war sehr sensibel und oft krank und konnte darum ihre damals noch übliche Frauenrolle nur ungenügend ausüben. Vor allem die Hausarbeit lag ihr nicht. Das sah Karls Familie nicht gern, besonders, wenn sie die Wäsche und Flickarbeiten übernehmen musste. Mimi führte ihr lustiges Leben, und Karl ging arbeiten und sorgte für sie.

Dann war Karl im Krieg und danach in Gefangenschaft. Mimi, die in der unmittelbaren Nachbarschaft von Karls Familie wohnte, lernte einen Gemüsefahrer kennen, der erst in der Nachbarschaft bekannt wurde und dann mit Mimi verschwand, samt seinem Gemüselaster. Der Hauswart teilte Karls ratloser Familie mit, dass sie dann auch keine Lebensmittelmarken erhalten könne, und die Nachbarn zerrissen sich die Mäuler. Nach vier Wochen tauchte Mimi plötzlich wieder auf, um Mitternacht, legte sich ins Bett und schlief. Geweckt wurde sie von Karl, der am Morgen um vier aus der Gefangenschaft nach Hause kam. Alles war gut, auch der Gemüsefahrer trat nicht wieder auf.

Seine Familie hat Karl nichts erzählt, er trug Mimi wieder auf Händen. Auch in den Nachkriegsjahren änderte sich an Mimis Sensibilität nichts, den Haushalt besorgte weiterhin Karl. In der jungen DDR machte Karl Karriere und wurde nach Berlin ins Wirtschaftsministerium versetzt. Mimi blieb in Leipzig, Karl kam am Wochenende heim. Aller paar Wochen traf ein Brief in Berlin ein, in dem Mimi um dringende Geldanweisung bat, weil ihr wieder das Portemonnaie gestohlen worden war. Karl hat nie verstanden, wie das immer wieder passieren konnte. Einmal wandte er sich Rat suchend an seine Schwester, meine Oma, die zum ersten Mal beinahe ihr Schweigen gebrochen hätte, dann aber doch nur sagte: „Du glaubst aber auch alles.“

In Berlin lernte Karl Ilse kennen, die ebenfalls im Ministerium arbeitete. Am 17. Juni 1953 war Karl in den Aufstand involviert und verließ fluchtartig die DDR. Zeit seines Lebens hat er sie nie wieder betreten. Meine Oma übernahm für ihn die Scheidungsformalitäten. Hätte sich Karl vom Westen aus scheiden lassen, wäre das mit lebenslangem Unterhalt an Mimi verbunden gewesen, egal, ob sie arbeitsfähig war oder nicht. In der DDR galten andere Gesetze, und die kranke Mimi, die sonst schon vom Kartoffelschälen sofort eine Sehnenscheidenentzündung bekam, überraschte Karl, seinen Anwalt und die ganze Familie damit, dass sie eine Stelle bei der Bahn als Weichenreinigerin angenommen hatte. Die frische Luft schien ihr gut getan zu haben, das Familiengericht sprach ihr darum gar keinen Unterhalt zu.

So verschwand Mimi aus der Familie.

Karl heiratete kurz danach Ilse, mit der er bis zu seinem Tod in einer hessischen Kleinstadt lebte. Ich habe ihn nie getroffen, obwohl er mein Namensvetter und Patenonkel war. Aber das ist eine andere Geschichte.