Mit Oma zum Zahnarzt


Meine Oma, Jahrgang 1916, musste zum Zahnarzt. Vorangestellt sollte werden, dass die Zahnarztpraxis zwar nur etwa 500 Meter entfernt ist, meine Oma aber schon seit über zwei Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat. Heute war also ein besonderer Tag. Meinen angebotenen Arm schlug Oma natürlich aus, genauso wie sie neulich die Hausärztin empört überhaupt nicht verstehen konnte, als die ihr vorschlug, sich einen Rollator anzuschaffen, um damit mal wieder ins Freie zu kommen. Schwerhörigkeit hat auch Vorteile, und ein Rollator ist eben nur etwas für Alte.

Oma lief ziemlich schnell los. Nach den ersten 100 Metern musste sie erst einmal innehalten. Mit verschwörerisch gesenkter Stimme fragte sie mich: „Weißt du, was der Führer gesagt hat? ‚Flink wie die Windhunde‘, hat er gesagt, und…“, nach kurzem Überlegen: „Ja: ‚Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie die Windhunde.‘ Flink wie die Windhunde, das waren wir wirklich.“ Inzwischen hatte sie auch vom verschwörerischen Tonfall Abstand genommen und redete in üblicher, das heißt hoher Lautstärke. Ein entgegenkommender Herr sah etwas pikiert aus. Ich überlegte kurz, wie ich so tun könnte, als ob ich die Dame an meiner Seite nicht kennen würde, aber mir fiel nichts ein.

Nach den zweiten 100 Metern nahm sie doch meinen Arm. Nach 400 Metern mit zwei weiteren kurzen Pausen hielt Oma erneut inne und verkündete: „Als Pfadfinder sind wir 25 km gewandert, mit 20 kg Gepäck. Glaubst du, dass das nicht so anstrengend war wie der kurze Weg heute?“ Ich, mit Mühe ernst bleibend: „Da warst du ja auch etwas jünger.“ Oma: „Wie, bitte?“ Ich, lauter, wiederholte meinen Satz. Oma darauf, lachend: „Ja, ein bisschen jünger, mein Kleener.“ Oma geht mir bis zur Brust, wenn sie gerade steht. Das ist aber auch schon ein paar Jahre her.

Die letzten 100 Meter schafften wir auch noch, beim Eintritt in die Praxis verkündete Oma, sie bräuchte jetzt einen Stuhl. Die beiden Sprechstundenhilfen zeigten ihr den Weg zum Wartezimmer, das Oma nur um eine Tür verfehlte und sich zielstrebig auf den Stuhl am gedeckten Frühstückstisch im Personalraum fallen ließ. Die Sprechstundenhilfen waren sprachlos, Oma erklärte laut: „Ich muss mich erst einmal hinsetzen. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste mit meinen 93 Jahren.“ Die Sprechstundenhilfen wirkten weiter sprachlos. Ich erklärte, leise, dass das nun mal der nächste Stuhl wäre und dass es nur für kurze Zeit sei, und es war dann auch in Ordnung. Nach der Anmeldung zogen wir ins Wartezimmer um und kurz darauf später kam die Zahnärztin selbst. Ich war überrascht, dass sie meine Oma umarmte und mit „Tante“ anredete. Es stellte sich heraus, dass Oma die Eltern der Zahnärztin seit über 70 Jahren und natürlich die Zahnärztin (auch: „Meine Kleene!“) selbst seit deren Geburt kannte. Schnell wurden die gemeinsamen Bekannten und deren Verbleib und die letzten Jahre samt Todesfällen im gesamten Viertel resümiert und Oma erzählte noch einmal, wie leicht ihr vor 77 Jahren der Pfadfindermarsch und wie schwer ihr heute der Weg her gefallen war. Zu meiner großen Erleichterung behielt sie wenigstens den Hitler für sich.

Der Heimweg verlief dann ziemlich ruhig.